Dr. Claus Baumann

Eröffnungsrede anläßlich der Ausstellung: „Geschichten, die es nicht gab“ von Georg Kleefass in der Foyergalerie Hotel Mercure in Leipzig am 25.02.2014

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde!

 

Diese kleine Ausstellung hat es in sich, denn sie erzählt von dem, was die Malerei heutzutage im Wesentlichen betrifft. Und ihre Bilder tun dies nicht nur, weil sie ein Teil des Phänomens verkörpern, sondern weil sie zudem - mit ein wenig räumlichem Abstand reflektierend -, sich mit diesem Phänomen auch bewußt auseinandersetzen – nicht didaktisch, sondern ganz menschlich, ganz unschuldig im Sinne von Malerei.
Ich will anhand dieser Ausstellung versuchen, ein wenig auf diese Problematik einzugehen. Was aber leider nicht ganz so einfach ist, denn trotz aller Bemühung, dabei populär und einigermaßen verständlich zu bleiben, muß ich Ihnen doch einiges zumuten. Unser Leben ist zwar in vielem einfacher, aber im Wesentlichen eben komplizierter geworden. Ich werde mich, gerade deshalb, kurz fassen.
Am Ende des 19. Jahrhundert wurde anhand der rasanten Entwicklung der Technik die – zunehmend das Leben der Allgemeinheit (und dort insbesondere die Kommunikation) prägende Bedeutung -, des Bildes und des Bildhaften für das 20. Jahrhundert vorhergesagt.
Was letztendlich das Bild und Bildhafte für das 21. Jahrhundert bedeuten wird, das ist noch nicht abzusehen, aber die ersten - gravierenden das alltägliche Leben beeinflussenden Veränderungen -, lassen sich inzwischen auch außerhalb des Internets entdecken.
Ich weiß nicht wie viele Stunden der Mensch inzwischen pro Tag auf virtuelle Bilder blickt. Aber wenn ich bedenke, was ich dementsprechend nur im öffentlichen Raum, und ich meine damit nicht nur den urbanen Raum, sondern auch den Wald, die Berge (gleich ob bei Schnee oder ohne), ich meine den Strand, das Meer (und ich bin sicher, es gilt inzwischen auch für die Savannen und Wüsten), wenn ich bedenke, was allein dort der Mensch heutzutage am häufigsten treibt, dann läßt sich vermuten, daß ab den kommenden Generationen der Blick ins Virtuelle mehr Zeit des Tages in Anspruch nehmen wird, als der Blick auf die eigentliche Welt.
„L’art pour l’art“ wetterten die sozialistischen Realisten und die dazugehörenden Funktionäre in der DDR, wenn Bilder aus Bildern entstanden. Der Satz: „Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“, war allerdings schon immer absurd, voran in Bezug auf das Bild.
Und das 21. Jahrhundert hat diesen Glauben endgültig ad absurdum geführt. Was uns bildhaft in den Medien begegnet (und wie gesagt, bereits den Alltag bestimmend), das kann längst – obwohl gänzlich im Mantel des Realen daherkommend -, doch nur reine Fiktion sein. Wir glauben inzwischen alles zu wissen, und wissen doch noch immer nicht - oder nun noch viel weniger denn je, was wir davon glauben sollen.
Ich vermute, daß gerade deshalb den Menschen im Allgemeinen längst nur noch die Auseinandersetzung mit der als Bild existierenden Welt interessiert und nicht mehr die Auseinandersetzung mit der Welt an sich. Die daraus resultierenden Folgen kann man sich denken. Daß sich dann danach die Sonne vielleicht wieder um die Erde dreht, das ist bei allem das geringste Übel. Dem bildenden Künstler ist inzwischen auch mit „realistischer Malweise“ etwas möglich, das ganz im Sinne eines Stillebens, doch mehr als nur die Dinge unseres Alltages meint und zeigt. Und während dabei die Welt gänzlich ins Virtuelle entgleitet, wird uns vor Augen geführt, wie sich langsam unser „Alles“ in ein „Nature morte“ verwandelt… Nicht weil uns der Künstler, gleich einem Philosophen, dies bewußt vor Augen führt, sondern weil er es, als der, der dem Bilde am nächsten steht, uns in seinen Bildern erschaubar vorlebt.
Und damit ist er, der Künstler ein wenig unser aller Glück, denn hätten wir nicht zum Beispiel die Malerei, und mit ihr die Möglichkeit aus der Gegenwart zurück zu blicken in die Gegenwart bei möglicher maximaler Authentizität, so wären wir wohl bald noch verlorener, als wir es schon immer waren.
Georg Kleefass Gemälde reflektieren meisterhaft diese Veränderungen unserer Seh- und Denkgewohnheiten, und vor allem vergißt er nicht, bei all den Anspielungen im Sinne der „Vanitas“ und des visuellen „Psychoanalytismus“ unserer Tage, die über allem liegende Sinnlichkeit der Malerei.
Hier treffen wir auf das Neue, während wir glauben, etwas Altbekanntem zu begegnen.

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